Baumgart
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Manchmal muss man sich neuen Blicken aussetzen, um wirklich gesehen zu werden. Mit seinen 22 Jahren kennt Baumgart das Gefühl, irgendwo zu sein, ohne so richtig wahrgenommen zu werden, schon ziemlich lange. In seiner Kindheit in Dortmund wird er früh kreativ und musikalisch aktiv, ist ambitioniert und aufmerksam – und damit in seinen Kreisen oft der Außenseiter: Während alle in der großen Pause Fußball spielen, sitzt Baumgart am Klavier. Und wird dafür komisch angeschaut. Und gemobbed, auch für sein Äußeres. In seinem Song „Loser“ beschreibt er das Gefühl: „Und ich fress immer mehr, weil der Frust mich packt. Fühl mich hässlich und leer, bin so abgefuckt. Schon ganz schön krass, wenn man so jung schon keine Lust mehr hat.“
Vielleicht ist es genau deshalb so, dass Baumgart seit seinem Schulabschluss nie lange an einem Ort blieb. Nach Stationen in Iserlohn und Berlin und mit einer Menge DIY-Musik- Erfahrung im Rücken lebt er aktuell in Hamburg. Nicht aus bloßer Lust auf Aufbruch, sondern aus dem Versuch, einen Platz zu finden, an dem man sich nicht erklären muss, sondern einfach sein kann. Einen Ort, der sich weniger nach Anpassung und mehr nach Ankommen anfühlt. Und manchmal ist eine Bahnstrecke von 284 Kilometern genau die richtige Distanz, um eine klarere Sicht auf alles Bisherige zu gewinnen. „Der schlimmste Ort ist in mir drin“ fasst diese Gedanken zusammen und Baumgart erkennt, dass es nicht der Ort ist, den er noch finden muss: „Scheissegal ob Berlin oder Iserlohn, nirgendswo fühl ich mich angekommen, sag mir wann hab ich mein Herz verloren?“
Aus genau dieser Suche entsteht bei Baumgart Musik. Er singt über Phasen des Übergangs, von Gedanken, die man sonst eher mit sich selbst ausmacht. Seine Songs wirken wie innere Gespräche, die endlich laut ausgesprochen werden können – ruhig und offen, manchmal vorsichtig tastend und manchmal explosiv. Für Baumgart ist Musik ein Raum, in dem er Gewicht abladen kann und seine Gefühle ernst nimmt, anstatt sie zu rationalisieren oder beiseitezuschieben.
Trotz des starken Bezugs zur eigenen Gefühlswelt richtet sich Baumgarts Blick immer wieder auch nach außen. Seine Songs erzählen von den Menschen, die ihn geprägt haben: von seinen Arbeiter-Eltern im Pott, die Stabilität gegeben haben, emotional aber nicht immer erreichbar waren, und von seiner Schwester mit Down-Syndrom, die in seiner Musik kein Symbol ist, sondern ein selbstverständlicher Teil seines Lebens. Mitmenschen tauchen in seinen Texten nicht als Hüllen oder Referenzen auf, sondern als reale Figuren, die sein Aufwachsen und seinen Charakter mitgeformt haben.
Musikalisch bewegt sich Baumgart zwischen modernem Indie-Sound und intimen Songwriter-Momenten, öffnet seine Lieder aber immer wieder auch für elektronische Einflüsse & Sprechgesang. Seine Stimme wirkt dabei häufig drängend, suchend und sehr nah – sie hält die vielen Eindrücke zusammen, ohne sie ordnen zu wollen. Baumgart singt nicht aus einer Rolle heraus, sondern immer als Person.
Er erzählt von Nächten, die sich wie kurze Ausbrüche anfühlen, und von dem Morgen danach, an denen die Unruhe wieder einsetzt. Seine Musik dokumentiert keine fertigen Antworten, sondern seine Lebensphasen – die Übergänge zwischen Jugend und Erwachsensein, Aufbruch und Zweifel, Verliebtsein und Isolation. Genau in diesem Dazwischen liegen die Stärken seiner Songs. Dort liegt vielleicht auch die Möglichkeit eines Zuhauses, in dem Baumgart sich mit seiner Umgebung wirklich verbunden fühlt.